- Theodor Fontane: Havelland
- Grüß Gott dich, Heimat! ... Nach
langem Säumen
- In deinem Schatten wieder zu träumen,
- Erfüllt in dieser Maienlust
- Eine tiefe Sehnsucht mir die Brust.
- Ade nun Bilder der letzten Jahre,
- Ihr Ufer der Saône, der Seine, Loire,
- Nach Kriegs- und fremder Wässer Lauf
- Nimm, heimische Havel, mich wieder auf.
- Es spiegeln sich in deinem Strome
- Wahrzeichen, Burgen, Schlösser, Dome:
- Der Juliusturm, den Märchen und Sagen
- Bis Römerzeiten rückwärts
tragen,
- Das Schildhorn, wo bezwungen im Streite,
- Fürst Jaczo dem Christengott sich
weihte,
- Der Harlunger Berg, der an oberster Stelle
- Weitschauend trug unsre erste Kapelle,
- Das Plauer Schloß, wo fröstelnd am
Morgen
- Hans Quitzow steckte, im Röhricht
verborgen,
- Die Pfaueninsel, in deren Dunkel
- Rubinglas glühte Johannes Kunckel,
- Schloß Babelsberg und
»Schlößchen Tegel«,
- Nymphäen, Schwäne, blinkende Segel,
-
- Ob rote Ziegel, ob steinernes Grau,
- Du verklärst es, Havel, in deinem Blau.
- Und schönest du alles, was alte Zeiten
- Und neue an deinem Bande reihten,
- Wie schön erst, was fürsorglich
längst
- Mit liebendem Arme du umfängst.
- Jetzt Wasser, drauf Elsenbüsche
schwanken,
- Lücher, Brücher, Horste, Lanken,
- Nun kommt die Sonne, nun kommt der Mai,
- Mit der Wasserherrschaft ist es vorbei.
- Wo Sumpf und Lache jüngst gebrodelt,
- Ist alles in Teppich umgemodelt,
- Ein Riesenteppich, blumengeziert,
- Viele Meilen im Geviert.
- Tausendschönchen, gelbe Ranunkel,
- Zittergräser, hell und dunkel,
- Und mitteninne (wie das lacht!)
- Des roten Ampfers leuchtende Pracht.
- Ziehbrunnen über die Wiese zerstreut,
- Trog um Trog zu trinken beut,
- Und zwischen den Trögen und den Halmen,
- Unter nährendem Käuen und
Zermalmen,
- Die stille Herde,... das Glöcklein
klingt,
- Ein Luftzug das Läuten
herüberbringt.
- Und an dieses Teppichs blühendem Saum
- All die lachenden Dörfer, ich zähle sie
kaum:
- Linow, Lindow,
- Rhinow, Glindow,
- Beetz und Gatow,
- Dreetz und Flatow,
- Bamme, Damme, Kriele, Krielow,
- Petzow, Retzow, Ferch am Schwielow,
- Zachow, Wachow und Groß-Behnitz,
- Marquardt-Ütz an
Wublitz-Schlänitz,
- Senzke, Lenzke und Marzahne,
- Lietzow, Tietzow und Rekahne,
- Und zum Schluß in dem leuchtenden
Kranz:
- Ketzin, Ketzür und Vehlefanz.
- Und an deinen Ufern und an deinen Seen,
- Was, stille Havel, sahst all du geschehn?!
- Aus der Tiefe herauf die Unken klingen, -
- Hunderttausend Wenden hier untergingen;
- In Lüften ein Lärmen, ein Bellen, ein
Jagen,
- »Das ist Waldemar«, sie flüstern
und sagen;
- Im Torfmoor, neben dem Cremmer Damme,
- (Wo Hohenloh fiel) was will die Flamme?
- Ist's bloß ein Irrlicht?... Nun klärt
sich das Wetter,
- Sonnenschein, Trompetengeschmetter,
- Derfflinger greift an, die Schweden fliehn,
- Grüß Gott dich Tag von
Fehrbellin.
- Grüß Gott dich Tag, du
Preußenwiege,
- Geburtstag und Ahnherr unsrer Siege,
- Und Gruß dir, wo die Wiege stand,
- Geliebte Heimat, Havelland!
- Potsdam, im Mai 1872
|